Neue Studie des IfU im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung | Hannes Kuch & Jerome Warren, Frankfurt am Main, Juni 2026

Deutschland steht vor einer der größten wirtschaftlichen Strukturkrisen dieser Dekade – und kaum jemand redet darüber. Jedes Jahr suchen über 100.000 mittelständische Unternehmer:innen eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger. Doch es gibt nur etwa halb so viele Kaufinteressent:innen. Die Tendenz ist steigend. Das Ergebnis: Betriebsschließungen, der Ausverkauf an renditegetriebene Investmentgesellschaften, der Verlust von Arbeitsplätzen und regionaler Wertschöpfung.

Was wäre, wenn die Beschäftigten selbst das Unternehmen übernehmen könnten – ohne eigenes Kapital einzubringen?

Genau das ermöglichen sogenannte ESOPs (Employee Stock Ownership Plans, auf Deutsch: Belegschaftseigentumspläne). Und genau diese Frage steht im Mittelpunkt unserer neuen Studie, die wir im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung verfasst haben: „Perspektiven für demokratisches Belegschaftseigentum in Deutschland – Fallstudie des Pionierunternehmens Iteratec“.

Die Nachfolgekrise: Eine strukturelle Zeitbombe

Die Ursache ist demografisch und klar: Die Unternehmer:innen-Generation der Babyboomer tritt in den Ruhestand, während die nachrückenden Generationen kleiner sind. In Deutschland hat sich die Zahl der Unternehmensinhaber:innen über 60 Jahre in den letzten zwei Jahrzehnten verdreifacht – gleichzeitig schrumpft die Zahl potenzieller Käufer:innen im gründungsaffinen Alter zwischen 18 und 40 Jahren.

Das Resultat: 2023 erwog mehr als ein Viertel der Unternehmen mit Nachfolgeproblemen eine Schließung. Nicht weil sie wirtschaftlich schlecht aufgestellt wären – nur 12 Prozent geben wirtschaftliche Gründe an –, sondern schlicht weil keine Nachfolge in Sicht ist.

Wenn eine Nachfolge gelingt, ist das Ergebnis nicht immer gut: Private-Equity-Gesellschaften, zunehmend aus den USA, verstärken ihren Griff auf europäische Unternehmen. Von 2011 bis 2024 haben sich die in US-amerikanischem Besitz befindlichen europäischen Unternehmensvermögen von rund 1,05 auf 3,79 Billionen US-Dollar fast vervierfacht. Der deutsche Mittelstand steht direkt im Visier – als größte Volkswirtschaft Europas mit einer anhaltenden Nachfolgekrise ist er besonders exponiert. Die Folgen solcher Übernahmen sind bekannt: Stellenabbau, veränderte Unternehmenskultur, Verlagerung von Produktion, Konzentration von Vermögen in wenigen Händen.

ESOPs als Antwort: Was international längst funktioniert

Was in Deutschland noch weitgehend unbekannt ist, hat in anderen Ländern längst Maßstäbe gesetzt:

USA: Seit der gesetzlichen Verankerung des ESOP-Modells 1974 sind rund 15 Millionen Beschäftigte zu Miteigentümer:innen ihrer Unternehmen geworden.

Vereinigtes Königreich: Nach der gesetzlichen Regulierung und steuerlichen Förderung von Employee Ownership Trusts (EOTs) im Jahr 2014 hat sich dieses Modell zur zweithäufigsten Lösung für Unternehmensnachfolgen entwickelt. Mehr als 2.000 Unternehmen sind seither in Belegschaftseigentum übergegangen.

Slowenien und Dänemark: Beide Länder haben 2025 eigene Gesetze zur Förderung von Belegschaftsübernahmen verabschiedet.

In Deutschland hingegen gibt es bislang keine vergleichbare gesetzliche Grundlage, keine steuerlichen Anreize, keine standardisierten Modelle.

Der EuroESOP: Ein Modell für Europa

Im Mittelpunkt unserer Studie steht der EuroESOP – ein standardisiertes ESOP-Modell, das das slowenische Institute for Economic Democracy (IED) für den europäischen Kontext entwickelt hat. Der EuroESOP kombiniert den bewährten Übernahmemechanismus der angelsächsischen ESOP-Tradition mit den demokratischen Prinzipien der europäischen Genossenschaftstradition.

Das Grundprinzip: Eine Beteiligungsgenossenschaft übernimmt das Unternehmen auf Kredit. Die Rückzahlung erfolgt aus den zukünftigen Gewinnen des Unternehmens selbst. Die Beschäftigten müssen kein eigenes Kapital einbringen. Die Unternehmensanteile werden schrittweise übertragen, ergänzt durch ein Verkäuferdarlehen. Am Ende gehört das Unternehmen der Belegschaft.

Die zentrale Frage unserer Studie: Ist dieses Modell auf Deutschland übertragbar?

Iteratec: Der Beweis, dass es geht

Um diese Frage zu beantworten, haben wir das Münchner IT-Unternehmen Iteratec genauer untersucht – ein Unternehmen mit rund 500 Beschäftigten, das sich seit 2019 im Prozess einer vollständigen Belegschaftsübernahme befindet und bis 2027 vollständig in Belegschaftseigentum übergehen soll. Iteratec ist eines der prominentesten Beispiele für demokratisches Unternehmenseigentum in Deutschland.

Die Ergebnisse unserer qualitativen Analyse – basierend auf leitfadengestützten Interviews mit Mitgründer Mark Goerke, Genossenschaftsvorstand Heiko Schrader und Mitarbeiter Benjamin Brunzel – zeigen: Das EuroESOP-Modell ist in Deutschland praktisch umsetzbar.

Die Übereinstimmungen sind erheblich: Bei Iteratec übernimmt eine separate Beteiligungsgenossenschaft die operative Gesellschaft. Die Finanzierung basiert auf zukünftigen Unternehmensgewinnen. Die Anteile werden schrittweise übertragen. Ein Verkäuferdarlehen ergänzt die Finanzierung. Das entspricht in zentralen Punkten dem EuroESOP-Modell.

Unterschiede gibt es vor allem bei den Eigentumsansprüchen der Beschäftigten: Während der EuroESOP individuelle Kapitalkonten vorsieht, über die Eigentumsansprüche transparent abgebildet werden, besitzen die Iteratec-Beschäftigten keine nennenswerten individuellen Eigentumsansprüche am Unternehmen. Auch bei der Gewinnausschüttung weicht Iteratec vom EuroESOP-Modell ab.

Diese Unterschiede sind bedeutsam – und sie zeigen genau, wo ein vollständig ausgerolltes GenoESOP-Modell in Deutschland ansetzen müsste: mit klaren Regelungen zu individuellen Kapitalkonten und Gewinnbeteiligung, die den Beschäftigten echte wirtschaftliche Teilhabe sichern.

Was jetzt gebraucht wird: Vom EuroESOP zum GenoESOP

Iteratec belegt: Die Übertragung des EuroESOP auf den deutschen Kontext ist technisch machbar. Was fehlt, sind die Rahmenbedingungen. Unsere Studie entwickelt auf dieser Grundlage konkrete politische Handlungsempfehlungen:

1. Rechtlicher Rahmen: Deutschland braucht klare gesetzliche Grundlagen für Belegschaftsübernahmen nach dem EuroESOP-Modell – als GenoESOP im deutschen Genossenschaftsrecht verankert. Nicht weil es ohne rechtliche Grundlage unmöglich wäre, wie Iteratec zeigt, sondern weil Wissenslücken und Unsicherheiten bei Eigentümer:innen, Beratungsunternehmen und Verbänden ohne einen klaren gesetzlichen Rahmen nicht überwunden werden können. Belegschaftsübernahmen müssen zum rechtlich klar definierten Standardweg der Unternehmensnachfolge werden.

2. Steuerliche Anreize: Verkaufende Eigentümer:innen brauchen steuerliche Erleichterungen beim Verkauf an die Belegschaft – analog zu den CGT-Erleichterungen in Großbritannien, die das EOT-Modell erst zum Erfolg gemacht haben.

3. KfW-Förderkredite und Bürgschaftsfonds: Die KfW sollte für GenoESOP-Übernahmen Förderkredite bereitstellen. Ergänzend sollte ein Bürgschaftsfonds eingerichtet werden, der Kreditinstitute zur Finanzierung von Belegschaftsübernahmen motiviert – teils staatlich finanziert, teils durch Pflichtbeiträge bereits etablierter GenoESOP-Unternehmen.

4. Wissensaufbau und politische Kampagnenarbeit: Belegschaftsübernahmen müssen als Thema in der wirtschaftspolitischen Debatte etabliert werden – bei Eigentümer:innen, in Beratungsunternehmen, Verbänden und der Öffentlichkeit.

Warum das politisch machbar ist

Belegschaftseigentum spricht eine breite Palette an politischen Motiven an – und findet deshalb parteiübergreifend Akzeptanz. Für Konservative steht der Erhalt des Mittelstands im Vordergrund, die Förderung von Eigenverantwortung und der Schutz vor ausländischem Kapital. Für die progressive Linke bieten Belegschaftsübernahmen ein konkretes Instrument zur Demokratisierung der Wirtschaft, zur Verringerung von Vermögensungleichheit und zur Stärkung regionaler Wertschöpfung. Belegschaftsübernahmen ermöglichen eine tiefgreifende Veränderung der Eigentumsverhältnisse, ohne drastische Brüche mit dem bestehenden institutionellen Rahmen.

Kurz: Der GenoESOP ist keine utopische Idee. Er ist ein praktisch erprobtes, rechtlich machbares und politisch anschlussfähiges Instrument – das Deutschland dringend braucht.


Die vollständige Studie steht hier als Open Access zur Verfügung.

Hannes Kuch und Jerome Warren sind Co-Direktoren des Institut für Unternehmensdemokratie e.V. (IfU), Frankfurt am Main. Die Studie wurde unter Mitarbeit von Stefan Marić und Miloš Kovačević erstellt.